„Welche typischen Fehler werden bei Abschlussarbeiten immer wieder gemacht?“ – Die besorgte Frage einer Studentin brachte mich zum Nachdenken. Es dauerte nicht lange, und aus meiner Erfahrung mit der Betreuung von weit mehr als 100 (Abschluss-)Arbeiten fielen mir einige Aspekte auf, die tatsächlich häufiger zu Stolperfallen werden können.

Damit du diese gleich von vornherein vermeiden kannst, plaudere ich in diesem Artikel ein bisschen aus dem Nähkästchen und habe auch versucht, hilfreiche Strategien zu benennen, die helfen, nicht zu stolpern.

Natürlich ist jede Fragestellung, Arbeitsanweisung, Datenlage, Analyse und jeder Betreuer[1] sehr spezifisch und birgt daher auch ihre individuellen Herausforderungen, die hier nicht abgebildet werden können. Es gibt aber tatsächlich grundsätzliche Tipps, die man sich beim Erstellen einer (empirischen) Studienarbeit zu Herzen nehmen sollte:

Stolperfalle 1: Die Anforderungen der Uni/des Fachbereichs/des Betreuers/des Korrektors nicht ernst genug nehmen

Diese Angaben müssen grundsätzlich sehr genau befolgt werden, auch wenn andere Quellen (APA Style Manual, statistische Internetseiten/Nachschlagewerke/Berater) anderer Meinung sind. Meist gibt es gute Gründe für die Vorgaben und Wünsche und auf ihre Einhaltung wird bei der Korrektur viel Wert gelegt.

Betreuer sind unterschiedlich kulant, was die Verletzung von Voraussetzungen parametrischer Tests angeht und haben unterschiedliche Ansichten, wie mit solchen Verletzungen umgegangen werden soll. (Das Spektrum reicht tatsächlich von „Ignoranz“/Unterlassen der Voraussetzungsprüfung über fundierte Argumentation bis zur Wahl nonparametrischer Alternativen.)

Manchmal gibt es (auch nicht schriftlich dokumentierte) Mindestanforderungen, was die Komplexität und Anzahl statistischer Analysen angeht (z.B. ist manchmal eine sehr gute Note nur bei ausreichend komplexen Verfahren oder bei Anwendung verschiedener statistischer Tests möglich). Es lohnt sich also, hiernach zu fragen!

Was kannst du tun?

1) formale, inhaltliche und statistische Vorgaben schriftlich geben lassen und aufmerksam durchlesen

2) „persönliche“ Wünsche, Vorlieben und Mindestanforderungen des Betreuers/Korrektors erfragen und idealerweise schriftlich fixieren (z.B. per Mail erfragen)

3) ältere, mit einer sehr guten Note bewertete Arbeiten im selben Fachbereich (i.e. mit denselben Vorgaben) einsehen und daran orientieren

Stolperfalle 2: Format- und Stilvorgaben [nach APA] missachten

In vielen Fachbereichen, z.B. der Psychologie und Pädagogik, wird eine Formatierung der Abschlussarbeit nach den Richtlinien der American Psychological Association (APA) vorausgesetzt oder gewünscht.

Format- und Stilfehler, insbesondere bei Quelleverweisen und –Verzeichnis sowie im statistischen Ergebnisteil, aber auch bei Abbildungen/Tabellen sind „verschenkte Punkte“. Solche Fehler können  einerseits leicht vermieden werden und werden andererseits oft sehr streng durch die Korrektoren geahndet (Notenabzug).

Was kannst du tun?

1) APA-Richtlinien verinnerlichen und anwenden (ggf. Manual erwerben)

2) Arbeit im Hinblick auf Format von einer mit den APA-Richtlinien vertrauten Person Korrektur lesen lassen

3) Achtung: Falls in deinem Fall Formatvorgaben der Uni oder des Betreuers existieren, stehen diese natürlich über den allgemeinen Richtlinien der APA (siehe Stolperfalle 1)

4) grundsätzlich bei der Formatierung auf Konsistenz und Einheitlichkeit achten

Stolperfalle 3: Kommunikation mit dem Betreuer

Die Kommunikation mit dem betreuenden Uni-Mitarbeiter ist häufig eine der größten Herausforderungen. Oft ist der zuständigen Dozent sehr schwer zu erreichen – insbesondere bei Fernstudiengängen. Fehlende oder verzögerte Rückmeldungen können dich in deinem Arbeitsprozess sehr behindern und ausbremsen; ggf. führen sie auch zu „Fehlern“ (z.B. der Verwendung eines vom Betreuer nicht gewünschten statistischen Verfahrens), die dann nachträglich wieder behoben werden müssen.

Was kannst du tun?

1) möglichst frühzeitig im Schreibprozess den Kontakt suchen und grundlegende Vorgehensweisen (auch die Anforderungen, siehe Stolperfalle 1) mit dem Betreuer abklären/rückversichern

2) verschiedene Kommunikationswege ausprobieren: Persönliche Sprechstunde (höchster Informationswert), telefonischer Kontakt (evtl. gibt es konkrete Telefonsprechstunden,  sonst während der üblichen Bürozeit versuchen), Kontakt per Mail (Vorteil: Aussagen des Dozenten sind schriftlich fixiert und nachweisbar)

3) Mails gut vorbereiten (über längere Zeit Fragen sammeln und strukturieren), auf gut verständliche Formulierungen achten (erhöht die Wahrscheinlichkeit, eine Antwort auf die Frage zu erhalten), Fragen durchnummerieren/mit Spiegelstrichen arbeiten (insbesondere, wenn nur schriftlicher Kontakt möglich ist)

Eine weitere Stolperfalle bei der Kommunikation mit dem Betreuer ist die Art und Anzahl der Fragen, die du als Student stellst.

– Tatsächlich habe ich schon erlebt, dass zu viele detaillierte Rückfragen einem als Unselbständigkeit ausgelegt wurden, was letztendlich zu einer Verschlechterung der Note führte mit der Begründung, dass zu wenig Eigenleistung in der Arbeit stecke.

– Zu wenige Rückfragen zu stellen kann jedoch andererseits zu einer Verfehlung der Vorgaben, zu Mehrarbeit oder zu Auslassungen führen (siehe auch Stolperfalle 1).

– Und grundsätzlich ist eine Herausforderung, die Rückfragen an den Betreuer so zu formulieren, dass man eine verständliche, treffende und hilfreiche Antwort erhält.

Was kannst du tun?

1)  die vorigen Tipps zur Kommunikation beachten J

2) Zuerst alle aufkommenden Fragen sammeln. Sollten es zu viele sein, strukturieren, zusammenfassen und priorisieren: Auf welche Fragen kannst du anderweitig Antwort finden (siehe Stolperfalle 4), welche muss der Betreuer beantworten?

3) In der Kommunikation knapp darlegen, was man bereits verstanden, berechnet und geleistet hat und welche (Folge)-Fragen sich daraus ergeben

4) statistische Fachbegriffe (adäquat) verwenden und auf wissenschaftliche Formulierungen Wert legen

5) geschlossene Fragen verwenden (d.h. eine Antwort mit „Ja“ oder „Nein“ oder ähnlich knappen Formulierungen ist möglich) oder Alternativfragen (z.B. „soll ich bei dem parametrischen Vorgehen X bleiben, oder muss ich auf die nonparametrische Alternative Y zurückgreifen?“)

Stolperfalle 4: Zu wenig Unterstützung bei statistischen Fragen einholen

Manchmal hängt man im Prozess der empirischen Arbeit fest – und eine Recherche im Internet oder in Foren bringt eher mehr Unsicherheit als Klarheit.

Was kannst du tun?

1) Kolloquien besuchen: Teilweise sind Kolloquien für Abschlussarbeiten verbindlich im Studium verankert. Falls das bei dir nicht der Fall ist, gibt es evtl. die Möglichkeit an freiwilligen Kolloquien oder Doktorandenkolloquien (auch wenn du selbst erst an deiner Masterarbeit werkelst) teilzunehmen und sich dort Rückmeldung zum Studiendesign, der eigenen Methodenwahl und statistischen Analyse zu holen.

2) Alte Arbeiten einsehen (idealerweise vom selben Betreuer korrigiert und sehr gut bewertet)

3) (höhersemestrige) Kommilitonen zu Rate ziehen, z.B. Tutoren

4) Methoden-Sprechstunde in Anspruch nehmen (ggf. auch fachfremd): viele Unis bieten Methodenberatung oder Hilfe bei statistischen Fragen durch Dozenten oder studentische Mitarbeiter an. Wenn in deinem Fachbereich nichts angeboten wird, lohnt sich der Blick über den Tellerrand zu Fachgebieten mit ähnlichen statistischen Vorgehensweisen. Warum nicht mal nachfragen, ob man dort in die Methodensprechstunde kommen darf?

5) Professionelle Hilfe außerhalb der Uni einholen (z.B. in der Statistik-Akademie oder in Form von individueller statistischer Beratung)

Stolperfalle 5: allererste empirische Arbeit

Um diese Stolperfalle wirst du nicht drum herum kommen – irgendwann musst du deine erste empirische Arbeit schreiben, sonst würdest wohl auch nicht diesen Blogbeitrag lesen ;-).

Vielleicht tust du dich schwer bei der Eingrenzung der verwendeten Quellen, oder mit dem bei empirischen Arbeiten erwünschten wissenschaftlich knappen und prägnanten Schreibstil.

Was kannst du tun?

1) zu lange Sätze, Absätze und Kapitel vermeiden

2)nicht mehr als drei Überschriftenebenen einführen

3) auf korrekte und einheitliche Bezeichnungen wissenschaftlicher Konstrukte, Instrumente etc. achten

4) Arbeit Korrektur lesen lassen in Hinsicht auf einen prägnanten, spezifischen und wissenschaftlichen Schreibstil

Oder du stehst vor der Herausforderung, passende Instrumente für eine Erhebung auszusuchen/ zu entwickeln, Daten einzugeben, Hypothesen zu formulieren oder das passende statistische Verfahren zu wählen und durchzuführen.

Was kannst du tun?

5) möglichst vermeiden, Instrumente selbst zu erfinden – lieber etablierte, validierte Instrumente verwenden (Leitfaden/Handbuch zur Auswertung beachten)

6) Studiendesign gut im Vorfeld durchdenken, auch im Hinblick auf Hypothesen und geplante Auswertungsmethoden (z.B. Spezifizierung der Bedingungen, zeitliche Abfolge der Erhebung, Rekrutierung der Stichprobe, apriori-Poweranalyse…) – hierbei hilft ein „Blick von außen“ und die Rückmeldung von Fachleuten sehr!

7) Statistische Verfahren wählen, die in deinem Verständnis- und Erfahrungshorizont verortet sind (z.B. keine Mehrebenenanalyse, wenn diese im Studium nie behandelt oder vorausgesetzt wurde)

8) Rechtzeitig Hilfe holen (siehe Stolperfalle 4)

Eine (erste) empirische Arbeit ist eine Herausforderung – aber zu bewältigen! Ich wünsche dir viel Durchhaltevermögen und dass du alle Stolperfallen vermeidest.

Gerne kann ich dich zu jedem Zeitpunkt im Arbeitsprozess auch individuell unterstützen – sei es beim Entwurf der Studie und Instrumente, der Datenanalyse und -Interpretation, oder beim sprachlichen, inhaltlichen, statistischen und/oder formalen Lektorat deiner Arbeit.

Herzlich, deine

Judith


[1] Der einfacheren Lesbarkeit halber verwende ich das generische Maskulin.
Bildquelle: Pixabay

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